Trotz der Befreiung aus vielen gesellschaftlichen Zwängen, Gleichstellung
der Geschlechter, medizinischer und sexueller Aufklärung im 20.
Jahrhundert, ist das Korsett nie aus der zivilisierten Gesellschaft
verschwunden. Selbst in den Zeiten, in denen es augenscheinlich der
sexuellen Befreiung zum Opfer fiel, hatte es stets seine Liebhaber und
führte ein unbemerktes Schattendasein hinter den verschlossenen
Türen von privaten Schlafzimmern, S/M-Veranstaltungen, Domina-Studios
und Sexshops.
Von Zeit zu Zeit kehrte es immer wieder in das Bewusstsein der Allgemeinheit
zurück und offensichtlich ist dies gerade im Moment der Fall. Betrachtet
man die aktuellen Kollektionen der großen französischen und
italienischen Designer, so findet man zahlreiche Variationen des Korsetts
- von klassisch bis futuristisch, von Dior bis Yves Saint Laurent.
Auch Modemagazine widmen dem Korsett eigene Artikel, so z.B. die Ausgabe
Januar-März 2001 der Moda In / Collezioni Edge.
Meine persönliche Erfahrung als Korsettdesignerin unterstützt
diesen Eindruck - ich erhielt in kürzester Zeit ohne jegliche Werbung
mehr Aufträge für Maßkorsetts, als ich alleine bewältigen
konnte.
Was steckt hinter diesem zeitgeistlichen Phänomen? Warum tritt
es gerade jetzt auf und welche gesellschaftlichen Veränderungen
hängen damit zusammen? Wer identifiziert sich mit diesem Trend
und aus welchen Beweggründen?
1. Gesellschaftliche Veränderungen
Modetrends sind immer Spiegel von gesellschaftlichen Veränderungen.
Möchten wir verstehen, warum das Korsett auf dem besten Weg zu
einer erneuten Renaissance ist, müssen wir die Gründe hierfür
in erster Linie in den Veränderungen unseres sozialen Umfelds suchen.
- Eine Gesellschaft der individuellen Selbstverwirklichung
Im Zuge der Emanzipation hat sich nicht nur die Frau von gesellschaftlichen
Vorgaben befreit, sondern das Individuum an sich. Im Laufe der letzten
50 Jahre haben sich viele "dos" und "don´ts"
in Luft aufgelöst. Heute wird es jedem Menschen weitestgehend
gestattet, selbst zu entscheiden, wie er sein Leben gestalten möchte.
Dies beginnt mit Äußerlichkeiten, führt über
Berufswahl bis hin zu privaten Bereichen wie Sexualität und Partnerschaft.
- Eine Gesellschaft der Selbstdarsteller
Seit einiger Zeit kann man beobachten, dass augenscheinlich viele
Menschen das Bedürfnis haben, ihr Leben in der Öffentlichkeit
zu führen. Bestes Beispiel hierfür sind der Erfolg diverser
Talkshows und Erscheinungen wie Big Brother, denen es an exhibitionistischen
Kandidaten nicht mangelt. Die Eigenart, sich auffallend, extravagant
zu kleiden ist eine andere Form des gleichen Phänomens.
Ein Teil der betroffenen Personen zeigt dadurch, dass sie zu sich
selbst und ihrer Lebensweise stehen und nichts zu verbergen haben.
Ein anderer Grund für ein solches Verhalten, ist sicherlich ein
Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und der Wunsch, in unserer reizüberfluteten
Welt wahrgenommen zu werden.
- Eine Gesellschaft ohne sexuelle Tabus
In den letzen 40 Jahren hat sich unsere Gesellschaft weitestgehend
von sexuellen Tabus befreit. Mit Aufkommen der Pille in den 60er Jahren,
wurde vorehelicher Geschlechtsverkehr zum Alltag. In den Zeiten der
freien Liebe, den 70ern, gehörten wechselnde Bettgenossen beinahe
zum guten Ton ("Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört
schon zum Establishment"). In den 80ern und 90er Jahren schließlich
fanden bis dahin als abartig geltende sexuelle Vorlieben Einzug in
das öffentliche Leben und Elemente aus dem Fetisch- und S/M-Bereich
waren im Alltag bald nichts Außergewöhnliches mehr. Die
distanzierte Form der Sexualität, bei der jegliche Kopulation
fehlte, könnte eine unbewusste Reaktion auf die aufkommende Gefahr
von AIDS gewesen sein. In der populären Kultur spiegelten sich
die sogenannten devianten Formen der Sexualität am offensichtlichsten
wieder: Die britische New Wave-Band Depeche Mode schockierte 1984
mit ihrem Hit "Master and Servant" (Herr und Diener) und
Madonna provozierte in ihrem berühmten Gaultier-Korsett. "Perversität"
wurde durch diese Popularisierung ihres Nischendaseins beraubt und
heute ist es nichts Ungewöhnliches mehr, dass ein Topmanager
sich von einer Domina den Hintern versohlen lässt, die Hausfrau
im Sexshop lederne Fesseln kauft oder mit ihrem Gatten in Swinger-Clubs
verkehrt. Selbst die Prostitution ist auf dem besten Weg, gesellschaftliche
Akzeptanz zu finden - ein Grossteil der Bürger unterstützt
die Forderung ihrer Anerkennung als legales Berufsbild. Die Allgemeinheit
hat gelernt, das Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse
haben und verurteilt niemanden mehr dafür, sondern gestattet
jedem, diese auszuleben - solange keiner Schaden dabei nimmt und es
aus freiem Willen beider Seiten geschieht.
- Eine Gesellschaft des Körperkult
Noch nie hatte ein attraktiver Körper einen so hohen Stellenwert
wie in unserer Zeit. Ein schlanker, sportlicher und sexuell anziehender
Körper signalisiert Wohlstand, Ehrgeiz und Erfolg. Attraktivität
erleichtert das Leben ungemein und verschafft dem Betreffenden enorme
Vorteile im Alltag. Um dies zu erreichen, sind viele Menschen bereit,
harte Arbeit und viel Geld zu investieren. Kein Preis scheint für
die Ware Schönheit zu hoch zu sein, körperliche Strapazen
und Gesundheitsrisiken werden billigend in Kauf genommen. Fitnessstudios
haben in den letzten Jahren einen enormen Zulauf zu verbuchen; Schönheitsoperationen
sind beinahe so normal geworden wie der Gang zum Zahnarzt.
Das Tragen eines Korsetts ist vergleichsweise eine sehr schnelle und
einfache Möglichkeit, den Körper zu modifizieren und attraktiver
erscheinen zu lassen. Man kann es genau dann anlegen, wenn man die
Wirkung einsetzen möchte und muss lediglich für die Zeit
des Tragens mit einem gewissen Engegefühl, eingeschränkter
Bewegungsfreiheit und einer flachen Atmung leben.
- Ein Leben nach Außen
Die Anforderungen, die heute an uns als Teil der Gesellschaft gestellt
werden, sind enorm hoch. Beruflicher Erfolg, Attraktivität, Verzicht
auf das Privatleben sind nur einige Beispiele. Einen Grossteil unserer
Zeit beschäftigen wir uns damit, unser Bild nach außen
positiv zu repräsentieren. Dabei vernachlässigen wir es,
auf uns selbst und unsere eigentlichen Bedürfnisse zu achten.
Da der Mensch sich jedoch von Zeit zu Zeit selbst spüren muss,
sucht er sich hierfür Möglichkeiten. Yoga, Extremerlebnisse
wie Bunjee Jumping oder das Tragen eines eng geschnürten Korsetts
sind nur einige Methoden, um seinen Körper bewusster zu erleben.
Unsere Umwelt bombardiert uns täglich mit unglaublich vielen
visuellen und akustischen Reizen. Die taktilen Fähigkeiten werden
im Gegensatz dazu nur noch relativ wenig beansprucht. Doch gerade
das Fühlen, zu dem wir mit dem gesamten Körper in der Lage
sind, ist für unser eigenes Empfinden von besonderer Wichtigkeit,
denn dadurch nehmen wir nicht nur Informationen aus unserer Umwelt
auf, sondern spüren uns auch selbst. Alltagskleidung fühlen
wir zwar auch auf der Haut, sind jedoch daran gewöhnt und nehmen
sie nicht mehr bewusst wahr. Ein Korsett jedoch spürt man jeden
Moment des Tragens und es führt dem Träger die Existenz
des eigenen Körpers jede Sekunde vor Augen.
- Die Nach-68er Generation
Als Folge der Studentenbewegung 1968 forderten viele junge Frauen
eine Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen. Sie wollten
berufliche und politische Chancengleichheit - eine ganze Generation
brach mit dem Rollenverständnis ihrer Mütter und hatte eine
neue, eigene Vorstellung vom Leben. Stellvertretend für den kleinbürgerlichen
Muff der 50er und 60er Jahre, verbrannten sie ihre BHs und forderten
damit gesellschaftliche und sexuelle Freiheit. Der BH war Symbol,
für die traditionelle, von Männern definierte Frauenrolle
- die Parallelen zur Befreiung aus dem Korsett sind unübersehbar.
Dass es für viele dieser Frauen eine unglaublich negative Vorstellung
wäre, sich in ein Korsett zu zwängen, ist nachvollziehbar
und würde für sie einer Kapitulation gleichkommen.
Die nachfolgenden Töchter der 68er sind heute junge Frauen. Sie
wuchsen in der hart erkämpften, relativen Gleichberechtigung
auf. Ihr Selbstverständnis als Frauen in unserer Gesellschaft
ist wesentlich unverkrampfter und unvorbelasteter, als das ihrer Mütter.
Sie spielen wieder mit ihrer Weiblichkeit, sehen nicht nur die Nachteile
derselben, sondern auch ihre Vorteile. Das Leben als Sexsymbol, oder
zumindest als begehrenswerte Frau, scheint ihnen weniger Steine in
den Weg zu legen als Türen zu öffnen. Das Korsett ist in
diesem Sinne ein willkommenes Mittel zum Zweck.
2. Der Wandel der Geschlechterrollen
Die moderne Bedeutung des Korsetts ist eine grundlegend andere und
wesentlich vielschichtigere, als die, die es im 1900 Jahrhundert hatte.
Dies hat vor allem mit der Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen,
insbesondere die der Frau zu tun.
Bedingt durch die Industrielle Revolution in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts, haben sich eine völlig neue Gesellschaftsordnung
und damit klarer definierte Geschlechterrollen entwickelt. Der Mann
verlässt das Haus um für den Lebensunterhalt und größtmöglichen
Wohlstand zu sorgen, die Frau bleibt zuhause, um sich um Haushalt und
Kinder zu kümmern und wird zum Statussymbol, das den beruflichen
Erfolg des Mannes repräsentiert.
Dieses Schema hat sich bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts
gehalten. Durch die Studentenbewegung ab 1968 geriet es erheblich ins
Wanken. Besonders die jungen Frauen wollten mehr Gleichberechtigung,
Chancengleichheit im Berufsleben und wehrten sich gegen patriarchale
Diskriminierung und Abwertung. Die Erfindung der Antibabypille brachte
die sexuelle Revolution, durch die vorehelicher Geschlechtsverkehr alltäglich
wurde und besonders den Frauen zu einer völlig neuen, sexuellen
Freiheit verhalf. Im Laufe der 70er Jahre veränderte sich tatsächlich
einiges im klassischen Rollenverhalten. Junge Männer und Frauen
waren schon optisch kaum von einander zu unterscheiden - das besondere
daran war, dass sich die Männer extrem weiblich zeigten - man denke
nur an die effeminierten Glam Rock Stars wie David Bowie oder Iggy Pop.
Die junge Generation versuchte neue Lebensentwürfe umzusetzen.
Freunde lebten in Kommunen zusammen und übernahmen die Rolle der
Familie, Paare bekamen Kinder ohne Trauschein und diese wurden in Kinderhäusern
- entgegen den traditionellen Vorstellungen - antiautoritär erzogen,
während beide Elternteile studierten oder arbeiteten.
Mit zunehmender Bildung der Frauen schwand auch deren finanzielle Abhängigkeit
von den Männern. Durch das Verdienen des eigenen Lebensunterhalts
verlor der Mann seine Ernährerfunktion. Dadurch musste sich auch
der Mann neu definieren, was zu einigen Schwierigkeiten führte.
Das alte Männerbild des Machos hatte ausgedient. In den 80er Jahren
forderten die Frauen lauthals den weichen, sensiblen Hausmann, der ihnen
- den starken, beruflich erfolgreichen Frauen - den Rücken frei
hielt um Karriere zu machen. Dass diese totale Umkehrung der Geschlechterrollen
nicht funktionierte, lag daran, dass ein großer Teil unseres Verhaltens
eben doch genetisch bedingt und nicht nur kulturell erlernt ist.
Weder konnten sich die Männer mit ihrer neuen Rolle vollkommen
identifizieren, noch fanden die Frauen den "Softie" besonders
begehrenswert.
Den Frauen, die sich voll aus der klassischen Rolle befreit hatten,
ging es ähnlich -
sie merkten bald, dass sie doch anders handeln und kommunizieren als
Männer und einen Teil ihres femininen Lebens vermissen.
Im Laufe der 90er Jahre hat sich das Rollenverhältnis endlich eingependelt.
Heute sind Frauen beruflich weitestgehend gleichberechtigt, mit Ausnahme
von absoluten Führungspositionen im Wirtschaftsbereich. Das aktuelle
Beziehungsideal geht nicht mehr von der klischeehaften Ehe und Familie
aus, sondern von einer gleichberechtigten Partnerschaft, in die Mann
und Frau ihre Stärken einbringen und beide nebeneinander stehen.
Es wird jedem freigestellt, selbst zu entscheiden, wer die Ernährerrolle
übernimmt oder ob sich beide Partner diese teilen. Selbst die Inanspruchnahme
des Erziehungsurlaubs wird heute entweder Vater oder Mutter ermöglicht.
Der heutige Idealmann ist weder Macho noch Weichei - er soll zwar weinen
können, Gefühle zeigen und sich Zeit für Partnerin und
Kinder nehmen, aber dennoch eine Schulter zum anlehnen bieten und beruflich
erfolgreich sein. Mit der Idealfrau verhält es sich ähnlich.
Sie soll durchaus feminin sein, dabei jedoch ihren eigenen Willen haben,
ihre eigenen Ziele verfolgen und nicht mehr die dienende Hausfrau am
Herd repräsentieren. Auch die Rolle des Prestigeobjekts ist nicht
mehr ausschließlich der Frau zugeteilt - gerade bei beruflich
erfolgreichen Frauen gilt ein repräsentativer, gutaussehender und
oft auch jüngerer Mann durchaus als Statussymbol. Beispiele hierfür
sind Madonna und ihr Guy Ritchie oder Vivienne Westwood, die ebenfalls
einen jüngeren Mann an ihrer Seite weiß.
Die klassischen Rollenunterschiede zwischen Mann und Frau verschwimmen
zusehends. Die Geschlechter nähern sich einander an, ohne dabei
jedoch ihre eigene Identität aufzugeben.
3. Typisierung verschiedener Korsettträger
Bedingt durch das Gesellschaftsbild im 21. Jahrhundert, haben sich
mehrere Typen von Korsettträgern entwickelt. Sie tragen verschiedene
Arten von Korsetts und haben sehr unterschiedliche Motive hierfür.
Ich habe anhand meiner Beobachtungen der Korsettszene 7 Hauptgruppen
von Korsettträgern ausmachen können. Viele Korsettträger
stellen Mischformen der Gruppen dar, da sich die einzelnen Szenen häufig
überschneiden.
- Die Extrovertierte
Bei diesen Korsettträgerinnen handelt es sich überwiegend
um junge, selbstbewusste Frauen zwischen 18 und 35, die modisch
interessiert sind. Sie setzen ihre Weiblichkeit bewusst als
Waffe ein und provozieren ihre Umwelt gerne mit ihrem extrovertierten
Auftreten. Viele von ihnen sind von Subkulturen wie Punk, Gothik
und neuerdings Cyberpunk beeinflusst. Doch auch die Käuferinnen
der aktuellen Designerkorsetts gehören in diese Sparte.
Sie tragen das Korsett in der Regel als Oberbekleidung offen
zur Schau. Daher soll es auch weniger an historische Korsetts
erinnern, die ja primär zur Unterbekleidung gehören,
sondern soll in Material, Farbe und Design modern und trendorientiert
sein. Die meisten dieser Kundinnen wünschen eine weniger
extreme Taillenreduzierung, da sie zu ungeübt sind und
das Korsett nur gelegentlich tragen. Der Gesamteindruck des
Korsetts steht im Vordergrund. Eine Reduzierung von 5 - 10 cm
ist meist ausreichend.
Die Gruppe besteht zu 90% aus Frauen, zu 9% aus Männern
in Frauenkleidung und nur zu 1% aus normalen Männern, da
es kaum ein Angebot an modischen Männerkorsetts gibt und
das Männerkorsett von modeinteressierten Männern in
unserem Jahrhundert bisher unbeachtet blieb.
- Die Traditionelle
Diese Gruppe von Korsettliebhabern ist vorwiegend über
30 Jahre alt und führt ein relativ konservatives Leben.
Dazu passend frönen sie ihrer Leidenschaft auch lieber
in privaten Kreisen und unter Gleichgesinnten denn in der breiten
Öffentlichkeit - ein Grund hierfür ist das traditionelle
Frauenbild, dass sie mit dem Korsett verbinden, welches heute
doch sehr umstritten ist. Bei vielen Frauen dieser Gruppe, verbirgt
sich hinter dem Interesse am Korsett und oftmals auch historischen
Kostümen, sprich Krinolinen etc., der starke Wunsch, zumindest
zeitweise Prinzessin zu sein und nicht die emanzipierte, selbstständige
Frau des 21.Jahrhunderts.
Dieses Phänomen kennen die meisten weiblichen Personen
aus ihren Kindheitstagen und ist in der Hochzeitsmode deutlich
zu erkennen.
Das Korsett wird meistens, ganz im klassischen Sinne, als Unterbekleidung
betrachtet. Es ist nach historischen Vorlagen und aus typischen
Korsettstoffen wie Damast, Brokat, Satin oder Drell gefertigt.
Auch die Farbigkeit ist eher traditionell - schwarz, weiß,
hellblau, creme, lachsfarben....
Viele Frauen dieser Gruppe, entwickeln eine große Leidenschaft
für das Korsett. Einige machen es zum festen Bestandteil
ihrer Garderobe machen und tragen es täglich
oder an mehreren Tagen pro Woche als Unterbekleidung. Bei regelmäßigem
Gebrauch gewöhnt man sich schnell an das Tragegefühl
eines Korsetts und steigert schrittweise die Taillenreduzierung.
10-20 cm sind nicht außergewöhnlich und gesundheitlich
unbedenklich, solange der Körper langsam trainiert wird.
Ganz ähnlich wie die Frauen im letzten Jahrhundert, entwickelt
beinahe jeder erstaunlichen Ehrgeiz und Eitelkeit, wenn es um
die Verringerung des Taillenumfang geht. Trotzdem haben die
meisten dieser Kunden ein natürliches Schönheitsempfinden
und beenden die Verringerungsschritte, sobald das
Taillen-Hüft-Verhältnis aus dem Gleichgewicht zu kommen
scheint. Dies ist etwa bei einem Wert von 0.55 ( Taille entspricht
dem 0.55-Fachen des Hüftumfangs) der Fall.
Die Gruppe besteht etwa zu 80% aus Frauen, 10% aus Männern,
die das Korsett im traditionellen Sinne eines Männerkorsetts
tragen und zu 10% aus Männern in Frauenkleidung.
- Der Crossdresser
Crossdresser nennt man Menschen, die durch Kleidung und Styling
ein anderes Geschlecht als ihr biologisches darstellen. Bezüglich
des Korsetts sind das Männer in Frauenkleidung.
Es gibt hierbei im wesentlichen 3 Gruppen. Drag Queens und Travestiekünstler,
die sich zu Showzwecken zeitweise in Frauen verwandeln; Transvestiten,
die von Zeit zu Zeit ein starkes Bedürfnis verspüren,
Frauenkleider zu tragen, was in engem Zusammenhang mit sexueller
Erregung steht und als drittes transsexuelle Männer, die
sich generell nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren
und als Frau leben möchten (und tun) (http://www.ts-information.de/tv.htm.
Das Korsett erfüllt jedoch bei allen die gleiche Hauptfunktion:
den maskulinen Körper sowohl für sich selbst, wie
auch nach außen zu feminisieren.
Die Schnittführung des Korsetts sollte idealerweise zwar
der Anatomie des männlichen Körpers angepasst sein,
diese jedoch nicht betonen, sondern in eine weibliche Richtung
modifizieren. Optisch erreicht man bei einer Schnürung
von 10-20 cm keine atemberaubend schmale Taille, sondern eher
den Eindruck einer normalen, weiblichen Taille. Um eine echte
Sanduhrensilhouette zu erzeugen, muss das Korsett 20 -30 cm
schmaler als die ursprüngliche Taillenweite sein. Bei korpulenten
Crossdressern reicht ein so hoher Wert gerade aus, um überhaupt
eine Taillierung zu erreichen.
Die Gestaltung des Korsetts lässt sich nicht verallgemeinern,
da der erzeugte Frauentyp sehr unterschiedlich aussehen kann.
Diese Gruppe besteht selbstredend zu 100% aus Männern,
bzw. Menschen, die männlich geboren wurden.
- Der Korsettfetischist
Der Korsettfetischist ist quer durch alle Altersgruppen und sozialen
Schichten unserer Gesellschaft zu finden (Fetisch - Mode, Sex und
Macht S. 19 - 38). Fetischismus im eigentlichen Sinne bedeutet,
dass der Fetischist eine bestimmte Sache oder ein bestimmtes Körpermerkmal
benötigt, um sexuelle Erregung zu verspüren. Dies können
z.B. lange Haare, große Brüste aber auch Schuhe, Dessous,
Latexbekleidung oder Korsetts sein.
Die Motive für dieses Phänomen sind bis heute nicht ausreichend
erklärt. Wissenschaftler wie Freud und Krafft-Ebing suchen
die Gründe im Unbewussten oder in einer sexuellen Fehlentwicklung
und erklären das Fetischobjekt zum Ersatzobjekt für die
lebendige, echte Frau, die dem Fetischisten Angst bereitet. Doch
es gibt auch Hinweise darauf, dass es biologische Ursachen gibt
oder sich um ein evolutionsbedingtes Phänomen handelt.
Auch die Tatsache, dass echter Fetischismus, mit wenigen Ausnahmen,
nur Männer betrifft, ist zwar wissenschaftlich erwiesen aber
die Gründe nicht geklärt.
Ein Grund liegt wohl in der unterschiedlichen Sexualität von
Männern und Frauen. Männer reagieren in der Partnerwahl
viel stärker auf optische Reize als Frauen und die meisten
Fetischformen sind in schwacher Form bei nahezu allen Männern
wieder zu finden.
Es gibt zwei Formen von Korsettfetischismus im eigentlichen Sinne.
Entweder trägt der Fetischist das Korsett selbst und das Tragegefühl
und die damit verbundene Symbolik verschafft ihm sexuelle Lust oder
seine Partnerin muss ein Korsett tragen, um ihn sexuell zu erregen.
Viele Korsettfetischisten empfinden auch den Vorgang des Schnürens
bzw. des Geschnürtwerdens selbst als sehr erregend. Die Korsetts dieser Gruppe können sehr unterschiedlich
gestaltet sein. Sie sind jedoch meistens entweder historischen Vorbildern
aus dem 19.Jahrhundert nachempfunden oder gehen in eine eindeutig
erotische Richtung. Durch Materialien wie Satin, Leder oder Latex
(die ja auch fetischierbar sind) und Ausstattung mit Strumpfhaltern
wird dieser erotische Reiz betont. Häufig hat der Fetischist
sehr genaue Vorstellungen wie das Korsett gearbeitet sein soll -
dies ist jedoch von Fall zu Fall unterschiedlich.
Die Gruppe besteht, wie bei allen echten Fetischen, zu über
99% aus Männern. Der Anteil fetischistischer Frauen liegt generell
bei unter 1%.
- Die Schnürfanatikerin und ihr männliches Pendant
Die weibliche Form des Korsettfetischismus ist kein Fetischismus
im eigentlichen Sinne, sondern eine extreme Leidenschaft - ein
"Fetisch der Zahlen und Maße" (Fetisch - Mode,
Sex und Macht S.67). Es ist die Sucht nach einer immer schmaleren
Taille und einem immer engeren Korsett. So werden Korsetts,
die eine geringere Weite als 45 cm haben, als Fetisch-Korsetts
betrachtet.
Momentan gibt es mehrere Frauen, die sich seit Jahren schnüren
und versuchen den Weltrekord der Engländerin Ethel Gray
von 32,5 cm zu brechen. Diese korsettierte sich mehrere Jahrzehnte,
um ihre Taille von 57,5 cm auf die besagten 32,5 cm zu reduzieren
(s. Abb.21).
Diese Form des "Fetischismus" betrifft vorwiegend
Frauen - es ist eine übersteigerte Form der weiblichen
Eitelkeit, wenn auch eine, die, ähnlich wie Magersucht,
das normale Ästhetikempfinden außer Acht lässt.
Doch es gibt auch einige wenige Männer, die diesem Schnürwahn
verfallen sind, ohne dabei eine Feminisierung ihres Körpers
zu verfolgen. Die bekanntesten von ihnen sind Fakir Mustafa,
der seine Taille von 72,5cm auf 47,5cm reduzierte und Mr. Pearl,
ebenfalls mit einer 47,5cm Taille (s. Abb.22). Fakir Mustafa
gibt an Korsetts zu tragen, um seine Grenzen zu erforschen und
ist begeisterter Anhänger von Körpermodifikationen.
Für Mr. Pearl dagegen bedeutet das Korsett Disziplin und
Selbstkontrolle (Mode, Sex und Macht S.66 - 86).
Die Korsetts der Zugehörigen dieser Gruppe können
sehr verschieden aussehen - meist jedoch eher klassisch. Allen
gemein ist jedoch die extreme Taillenreduzierung von mindestens
20cm - 35 cm, die von Außenstehenden zumeist als unästhetisch
empfunden wird.
Die Gruppe besteht zu 95% aus Frauen und 5% aus Männer
- Sadomasochisten
In der S/M Szene erfreut sich das Korsett seit dem 19.Jarhundert
größter Beliebtheit.
Es wird sowohl von Männern als auch von Frauen getragen
und kann, ähnlich wie High Heels, sowohl eine devote wie
dominante Bedeutung beinhalten.
Trägt der Devote ein Korsett, spielen zwei Aspekte des
Korsetts eine besondere Rolle. Zum einen seine psychische Wirkung
als Unterdrückungsmittel, Werkzeug für Unterwerfung,
Bestrafung und Disziplinierung sowie Auslieferung im Sinne von
Bondage - also seelischem Sadomasochismus. Dies steht in engem
Zusammenhang mit der Klischeerolle des Korsetts als Mittel,
die Frau gefügig zu machen.
Männliche Sklaven werden durch das Tragen eines Frauenkorsetts
(und anderen weiblichen Kleidungsstücken, z.B. Zofenkostümen)
zusätzlich gedemütigt. Der zweite Aspekt ist die physische
Wirkung des Geschnürtseins im Sinne von körperlichen
Schmerzen und "unangenehmer" Enge - also körperlichem
Sadomasochismus.
In der Welt der Dominanten ist das Korsett ausschließlich
den Frauen vorbehalten.
Es unterstreicht ihre Weiblichkeit, welche Teil ihrer Macht
ist. Der Sklave darf das lockende Weib zwar betrachten, aber
nicht besitzen. Zusätzlich verleiht ein Korsett seinem
Träger stets eine sehr gerade, aufrechte Haltung sowie
einen stolze Gang, was ebenfalls den Eindruck der Überlegenheit
steigert. Desweiteren hat es die Funktion eines Panzers, der
sowohl Schutz verleiht, wie Stärke vermittelt.
Die Korsetts sind meistens aus Leder, Lackleder, Latex oder
Satin hergestellt. In der Regel sind sie in S/M-typischem Schwarz
gehalten, seltener in anderen Farben und häufig mit Metallteilen
wie Nieten, Schnallen, D-Ringen u.s.w. versehen. Übernimmt
das Korsett einen Part in einem bestimmten Rollenspiel, so richtet
sich das Design nach dem "Storyboard" - dann kann
das Korsett z.B. historisch oder sehr futuristisch sein.
Die Gruppe besteht zu 20% aus dominanten Frauen, zu 50% aus
devoten Frauen und zu 30% aus devoten Männern.
- Sex Sells
Die letzte Gruppe von Korsettträgern, sind alle, die das
Korsett mit seiner Bedeutung im "normalen" sexuellen
Bereich verbinden.
Dies sind zum einen alle Frauen und Paare, die es gelegentlich
als Würze des eigenen Sexlebens benutzen. Desweiteren nutzen
sowohl Prostituierte wie Pornoindustrie das Korsett um Sex und
Erotik zu verkaufen. Bestes Beispiel hierfür sind die "leichten
Mädchen" der Berliner Oranienburger Straße,
die reihenweise in den gleichen, eng geschnürten Taillenkorsetts
am Straßenrand stehen.
Für alle genannten ist es ein Mittel, der männlichen
Norm entsprechend, Weiblichkeit und erotische Ausstrahlung zu
verkörpern.
Auch wenn uns diese Art ein Korsett zu tragen am oberflächlichsten
und undifferenziertesten erscheint, so ist es doch die am weitesten
verbreitetste und für viele Menschen am ehesten nachvollziehbare.
Der Erfolg der Verkaufsstrategie bestätigt dies - Sex sells,
vor allem bei Männern.
Diese Korsetts entsprechen voll und ganz dem erotischen Standart
- Satin oder Lackstoff; Rot, Schwarz, Weiß; meistens brustfrei,
manchmal mit Spitze oder/ und Strumpfhaltern versehen. Die Taillenreduzierung
beträgt zwischen 0cm und 10cm.Sie sind meist ein qualitativ
minderwertiges Massenprodukt und werden dafür viel zu teuer
- aber immer noch recht günstig im Gegensatz zu hochwertigen
Korsetts - in Sexshops und Erotikversand angeboten.
Meist dienen diese Korsetts nur als kurzzeitiges Spielzeug.
Daher sind Passform und Qualität wesentlich nebensächlicher
als bei allen anderen vorgestellten Gruppen - allein die Optik
zählt. Für viele Korsettinteressierte stellen sie
jedoch die Möglichkeit dar, zu einem annehmbaren Preis
erste Erfahrungen zu sammeln, zumal Sexshops auch die naheliegendste
Bezugsquelle darstellen. Doch sollte die Korsettleidenschaft
erst einmal geweckt sein, wird man die betreffenden Personen
schnell in einer der oberen Gruppen wiederfinden.
Diese Korsetts werden fast zu 80% von Frauen getragen - initiiert
ist dies jedoch meistens von Männern - Partnern, Freiern
oder Pornoproduzenten.
Die verbleibenden 20 % sind Crossdresser. Für sie bieten
Sexshop und Versand die Möglichkeit des anonymen bzw. unbehelligten
Einkaufs. Sie haben jedoch meistens keine echte Freude an diesen
Konfektionskorsetts, denn die Passform ist für Männerkörper
nicht geeignet und dadurch sehr unbequem und optisch unbefriedigend.
Zusätzlich ist das Korsett durch die starke Modifikation
einer solch hohen Belastung ausgesetzt, dass die mindere Qualität
schnell Materialmüdigkeit aufweist.
4. Resumee
Es ist wohl unmöglich, alle Ursachen und Beweggründe
die zum Tragen eines Korsetts führen, zu erfassen. Dennoch
hoffe ich einen Einblick in die Vielschichtigkeit des Themas eröffnet
und zu einer modernen Rezeption des Korsett beigetragen zu haben.
So verschieden die Ursachen und Gründe auch sein mögen
im 21. Jahrhundert Korsett zu tragen, so haben doch alle Träger
eines gemeinsam: sie alle tragen das Korsett aus eigenem Willen,
frei von gesellschaftlichen und modischen Zwängen. Dies unterscheidet
sie deutlich von den Korsettträgern und -trägerinnen
aller anderen Epochen.
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