1. Das Korsett im Wandel der Zeit
Das Korsett ist kostümgeschichtlich betrachtet wohl eines der interessantesten
Kleidungsstücke. Zum einen reicht seine Tradition bis ca. 2000 v.Chr.
zurück - Männer und Frauen der kretisch-minoischen Kultur schnürten
sich bereits damals die Taille. Zum anderen war kein anderes Kleidungsstück
so umstritten, wurde so gelobt und so verteufelt, wie das Korsett.
Die gesamte Geschichte des Korsetts darzustellen, wäre hier wohl zu
umfassend.
Deshalb möchte ich die drei wichtigsten Epochen näher betrachten,
in denen das Korsett eine große Rolle spielte. Alle drei Epochen zeichnen
sich durch verschiedene Gesellschaftsordnungen aus, in denen der Frau grundlegend
verschiedene Positionen zugewiesen wurden. Durch diese Vorraussetzung wurde
auch das Korsett immer wieder neu definiert und veränderte sich in
Bedeutung und Form, was ich in diesem Kapitel veranschaulichen möchte.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei im 19. Jahrhundert, da dies die
Korsett-Ära schlechthin, mit der weitesten Verbreitung und der größten
Vielfalt an Korsettvarianten, war. Unser heutiges Bild vom Korsett wurde
von dieser Periode entscheidend geprägt.
Auch wenn das Korsett vorwiegend mit Weiblichkeit gleichgesetzt wird, so
hat auch das Männerkorsett seine eigene Geschichte, die eine kurze
Betrachtung in einem eigenen Kapitel verdient hat.
1.1 Renaissance 1500 - 1620
Der Beginn der Renaissance um 1500 war gleichzeitig Aufbruch in die Neuzeit.
Das düstere, von der Kirche dominierte Mittelalter war endgültig
beendet; das Bürgertum und die Städte hatten ihren Einfluss gefestigt.
Besonders in Italien und Spanien bildete sich durch internationalen Handel
ein sehr wohlhabender Geldadel - die Patrizier - der den europäischen
Fürstenhäusern in nichts nachstand und gemeinsam mit diesen das
kulturelle Leben bestimmte (Reclams Mode- & Kostümlexikon S.39).
Die aufkommende humanistische Weltanschauung stand unter griechischem und
römischem Einfluss. Wissenschaften wie Astronomie, Architektur, Mathematik,
Medizin und die Kunst befanden sich in ihrer Blütezeit. Im Gegensatz
zum Mittelalter rückte nun der Mensch als Individuum in den Mittelpunkt
und Mode wurde zum Ausdruck der Persönlichkeit (Fachwissen Bekleidung
S.213).
Etwa
ab Mitte des 16. Jahrhunderts erlangte Spanien die politische Macht in Europa
und beeinflusste über die nächsten Jahrzehnte Mode und höfisches
Leben in Europa. Bis heute ist diese kostümgeschichtliche Epoche als
Spanische Hofmode (1550 - 1620) bekannt. Diese zeichnete sich vor allem
durch seine Nüchternheit und Strenge, sowie seiner steifen, künstlichen
Silhouette aus. Besonders die weibliche Silhouette wurde auf zwei glatte,
leblos aufeinander stehende Kegel reduziert. Um dies zu erreichen trugen
Frauen zum ersten Mal einen Reifrock namens Verdugado und ein extrem mit
Fischbein verstärktes Mieder, das die Merkmale des natürlichen
Frauenkörpers völlig negierte. Darüber wurde ein faltenloses,
hochgeschlossenes und bodenlanges Kleid getragen (Fachwissen Bekleidung
S.215).
Die Spanische Mode breitete sich schnell an den Höfen Europas aus,
wurde jedoch nach regionalem Geschmack verändert. So waren die französische,
deutsche und englische Variante farbenfroher und behielten das Dekolleté
bei .
Besonders das elisabethanische England übersteigerte die stilisierte
Form bis ins Groteske und wandelten die spanische Nüchternheit in überladene
Pracht um (Schnellkurs Mode S. 55).
Diese Renaissance-Mode war der herrschenden Adelsschicht vorbehalten. Sie
repräsentierte durch die Kostbarkeit der Materialien ihren Reichtum
und grenzte sich dadurch von der arbeitenden Bevölkerung ab (Fachwissen
Bekleidung S.213).. Die Form der Kleidung, insbesondere Mieder und Reifrock,
hätten gar keine körperliche Betätigung zugelassen. Diese
Tatsache war zusätzlich Ausdruck von privilegiertem Status. Bauern
und Handwerker hingegen, trugen bequeme Arbeitskleidung, die später
zur Tracht wurde. Die Mode teilte die Gesellschaft somit horizontal in Klassen
- von oben nach unten.Das Renaissance- Korsett war interessanterweise eine
Nachahmung des männlichen Wams, der ebenso steif und stilisiert war
und in der vorderen Mitte spitz zulief. (s.Abb.2)
In der Renaissance
glaubte man, dass Männer und Frauen im Grunde den gleichen Körper
besitzen; einziger Unterschied sei das bei der Frau im Körper verbliebene
Geschlechtsorgan, welches sich bei den Männern nach außen gestülpt
hatte. Der Rückschluss daraus war, dass die Frau somit eine minderwertige
Variante des Menschen und damit dem Mann untergeordnet sei (Fachwissen Bekleidung
S.213).
Diese Weltsicht machte den Mann zum Maßstab für den Menschen
und die Frauen versuchten, sich durch Imitation diesem Ideal anzunähern.
Zu Beginn der Renaissance löste sich der Rock vom Kleidoberteil und
man begann, es mit Fischbein, Stahlstäben, Rohr, Elfenbein oder Holzscheiten
zu verstärken und die Vorderfront auszupolstern, um die gewünschte,
steife Silhouette zu erhalten. Um das weiblichste Körpermerkmal, die
Brust, zu negieren, wurden sogar Bleiplatten im Brustbereich eingearbeitet.
Dieses neue Kleidungsstück erhielt in Frankreich den Namen "cors",
später im neufranzösischen "corps", den es bis ins 19.Jahhundert
behalten sollte.
In Deutschland nannte man diesen Teil der weiblichen Oberbekleidung im allgemeinen
Mieder und es hatte seine Blütezeit im 16. Jahrhundert. In der ersten
Hälfte des 17. Jahrhundert entwickelte sich daneben die sogenannte
Schnürbrust. Diese wurde unter dem unversteiften oder nur leicht versteiften
Kleidoberteil als separates Kleidungsstück getragen. Erst als sich
die Kleider in der vorderen Mitte öffneten, gewann die Schnürbrust
an Wichtigkeit in der weiblichen Garderobe. Sie war aus edlen Stoffen gefertigt
und reichlich verziert, da die Vorderseite als dekoratives Element unter
dem geöffneten Kleid zu sehen war (Corsets and Crinolines S. 19). Sowohl
in Mieder wie Schnürbrust wurde in der vorderen Mitte das Planchette,
zu deutsch Blankscheit, eingearbeitet. Dies war ein besonders kräftiger
Holzscheit, der die charakteristische, lange Spitze des Oberteils namens
Schneppe bildete. Die Schneppe wird, genauso wie die Spitze des männlichen
Wams, als deutlicher Hinweis auf das Geschlechtsorgan interpretiert, welches
ja ansonsten ganz und gar versteckt und verdeckt wurde und ist somit als
subtiles, erotisches Lockmittel zu verstehen (Schnellkurs Mode S. 60). Der
Schnitt der Schnürbrust war noch relativ simpel gehalten. Ihr Sinn
war ja auch nicht, die komplizierte Form des weiblichen Körpers nachzuempfinden,
sondern diesen in eine kegelförmige Röhre zu verwandeln, was mit
wenigen einfachen Schnitteilen zu erreichen war. Es bestand in der Regel
aus 4 Teilen, zwei pro Hälfte, und wurde in der vorderen oder hinteren
Mitte geschnürt (Corsets and Crinolines S. 19). Auch hierbei gab es
regionale Vorlieben - die Engländer schnürten nur in der Rückenmitte,
die Franzosen hingegen verwendeten beide Möglichkeiten, bevorzugten
jedoch die Frontschnürung. Da das vorn geöffnete Kleid verstärkt
in Frankreich Mode war, wurde hier die Schnürung im Vorderteil als
dekoratives, sichtbares Element ausgearbeitet oder von einem reich verzierten,
separaten Teil namens Stecker abgedeckt.
Die Schnürbrust reichte von der Achsel bis zum Hüftansatz und
war mit zwei Schulterträgern versehen. Am unteren Saum waren Laschen
angebracht, die unter den Reifrock geschoben wurden. Nur die Schneppe lag
sichtbar über dem Rock (Reclams Mode & Kostümlexikon S. 316).
(s. Abb. 3)
1.2 Barock & Rokoko 1640- 1775
Als Ludwig XIV 1643 seine Vormundschaftsregierung antrat, wurde Frankreich
langsam zur politisch und kulturell führenden Macht in Europa. 1661
übernahm er alle Regierungsgeschäfte und führte damit die
absolute Monarchie ein ("L'etat c'est moi") . Von nun an war die
Machtposition Frankreichs über ein Jahrhundert lang nicht mehr anzufechten
(Reclams Mode- & Kostümlexikon S. 53).
So dominierend der Adel und das höfische Leben zu dieser Zeit auch
waren - es sollte doch der letzte und pompöseste Akt der Aristokratie
in der europäischen Geschichte sein. Das dekadente und verschwenderische
Leben am Hof schien geradezu ein verzweifeltes Festhalten der Monarchie
an seiner Machtstellung gewesen zu sein, die in der Französischen Revolution
ihr endgültiges Ende finden sollte.
Die Französische Mode während der Regierungszeit Ludwig XIV (
1643 - 1715 ) war ebenso wie barocke Architektur und Kunst eine Verherrlichung
des Herrschers und seines Hofes. Sie diente mehr denn je zur Abgrenzung
vom normalen Volk und war Mittel zur Selbstinszenierung des Adels (Jugendlexikon
Kleidung und Mode S. 115).
Durch Frankreichs zahlreiche Manufakturen und dem, besonders im textilen
Bereich blühendem Export, standen zum einen Geld, zum anderen edle
Materialien in Hülle und Fülle zu Verfügung. Der Modestil
aus Barock und Rokoko wurde als Französische Mode bekannt - Paris war
damals Modezentrum Europas und hat diese Stellung bis heute, zumindest teilweise,
behalten.
Die Prunksucht am französischen Hof betraf beide Geschlechter gleichermaßen.
Männer wie Frauen schmückten sich und trugen ihre körperlichen
Reize zur Schau.
Die Männer der Monarchie schienen den Damen geradezu nachzueifern.
So beurteilte Richard Aldewyn die adlige Männermode des 17. und 18.
Jahrhundert folgendermaßen:
"Farbenfroh prächtig, mit Bändern, Schleifen, Spitzen und
Federn reichlich verziert, mit Perlen, Edelsteinen und kostbaren Knöpfen
besetzt, goldbestickt und vielgeschlitzt, erscheinen ihm die Kleider der
männlichen Adeligen am Hof Ludwigs des XIV als Usurpation der weiblichen
Sphäre: der Mann schmückt sich wie die Frau, um Schmuckstück
zu sein. Wie sie steht er am Hofe im Zeichen des Scheins." (Die Mode
nach der Mode S. 19)
Der optische Verzicht auf das traditionelle Männerbild war nicht nur
bezeichnend für die Rolle des Mannes, sondern auch für die neue,
sehr freie Position der Frau am Hofe Ludwigs. Die adligen Damen forderten
nicht nur Bildung und Recht auf sozialen Status, sie verlangten auch ein
völlig konträres Beziehungsmuster.
"Die Précieuse stehen - gegen den absoluten Autoritätsanspruch
des Vaters und Gatten - der arrangierten Ehe und Mutterschaft entschieden
feindselig gegenüber. Sie befürworten die Ehe auf Probe und ihre
Auflösung, sobald der Erbe geboren ist, der der Obhut seines Vaters
übergeben wird. Sie wollen weder auf irgendeine Freiheit noch auf die
Liebe verzichten und preisen das zärtliche und platonische Gefühl"
(Die Identität des Mannes S.24)
Die vornehmen Männer zu Hofe folgten dieser Forderung.
Sie setzen alles daran, kultiviert, höflich und empfindsam zu erscheinen;
untersagten sich, ihre Eifersucht zu zeigen und den häuslichen Tyrannen
zu spielen (Die Identität des Mannes S.24-25.)
Unmerklich war die Frau zum Inbegriff des adligen wie des menschlichen Geschlecht
geworden (Die Mode nach der Mode S.19).
Die Grundzüge der weiblichen Französischen Hofmode waren die gleichen,
wie die der Spanischen - steifer, unbeweglicher Oberkörper zu weiten,
ausladenden Röcken in edlen, prachtvollen Stoffen. Die Silhouette wurde
jedoch insgesamt weicher und wesentlich weniger statisch. Wie in der Renaissance
hat diese Immobilität die Funktion, den Luxus des Müßiggangs
zu repräsentieren. Auch hatte das Korsett (damals noch "corps"
genannt) noch immer die Funktion, den Körper zu modifizieren. Dabei
erfuhr es jedoch eine evidente Umwertung: durch die neue Rolle der Frau
am Hofe betonte das Korsett nun reizvoll die weiblichen Formen, anstatt
sie zu negieren und den Frauenkörper dem Männerkörper anzugleichen.
In der Regel trug man ein separates Korsett unter dem Kleidoberteil, um
diesen Effekt zu erreichen. Es existierten jedoch noch immer Mieder, d.h.
mit Fischbein verstärktes Kleidoberteil und die Schnürbrust als
Unterbekleidung, nebeneinander. Als drittes gab es die Möglichkeit
einer reich verzierten, mit edlem Stoff bezogenen Schnürbrust, an die
separate Ärmel angenestelt wurden.
Mieder und
Schnürbrust wurde von nun an nicht mehr vom normalen Hofschneider gefertigt,
sondern vom "Tailleur de corps à baleins"; dem "Fischbeinleib-Schneider".
Erstmals wurden die Korsetts aus den bis heute üblichen, typischen
Korsettstoffen Atlas, Satin und Seide hergestellt und reichlich mit Spitzen
verziert. Um Busen und Dekolleté eine schöne Form zu geben,
wurden Brustpolster und rundgebogene Fischbeine in Querrichtung eingearbeitet.
Da man Hals und Schultern als ideale Präsentationsmöglichkeit
für Juwelen und Perlen entdeckte, rutschten die Schulteträger
vom Schlüsselbein bis beinahe auf den Oberarm hinunter. Auch die Schnittführung
wurde durch die nun gewünschten kurvigere, elegantere und vor allem
femininere Form, ausgefeilter. Statt aus 4 Teilen bestand ein Korsett nun
aus 6 -10 Schnitteilen. Das gesamte Korsett wurde länger - die Schneppe
wurden noch spitzer; die Seiten- und Rückenteile reichten bis zur oberen
Hüfte. Der Reifrock wurde vorn unter, an den Seiten und hinten jedoch
über dem Korsett getragen und mit Schleifen fixiert um ein Verrutschen
zu verhindern. Im allgemeinen waren die Korsetts noch komplett mit Wahlfisch
versteift
(s. Abb. 4). Es setzten sich jedoch immer mehr Korsetts durch, die nur noch
an den wichtigen Stellen mit et
wa
halb so vielen Korsettstäben wie versteift wurden. Diese trugen die
Bezeichnung "demi-baleiné", was wörtlich übersetzt
"halb-gewalfischt" bedeutet.
Mit der enormen Entwicklung im medizinischen Bereich, entdeckte man auch
die orthopädische Wirkung des Korsetts. Erstmals wurden dekorativ geschmiedete
Metallkorsetts hergestellt, um Verkrümmungen des Körpers zu behandeln.
Mit Ende der Regierungszeit Ludwig des IVX beginnt die Epoche des Rokoko.
Die Epoche ist in seinen Grundzügen eine Fortführung des Barocks.
Die Aristokratie blieb die gesellschaftliche führende Schicht und frönte
auch weiterhin ungezügelt ihrem prachtvollen, dekadenten Leben. Zeitgleich
begann sich die Gesellschaft außerhalb der Höfe jedoch grundlegend
zu verändern. Es war die große Zeit der Freidenker und Dichter
wie Voltaire, Rousseau und Kant, der Aufklärung in England und Frankreich
und des Wiederentdeckens der Antike. Langsam entwickelte das Bürgertum
ein eigenes Selbstbewusstsein und gewann zusehends an Bedeutung.
Viele Bürger konnten es sich nun leisten, dem Adel in Lebensstil und
Kleidung nachzueifern, was dazu führte, dass beispielsweise das Korsett
bis in die mittleren Schichten vordrang. Doch auch der freigeistige Lebensstil
des Bürgertums sowie die bürgerliche Mode beeinflussten das Leben
am Hof seinerseits.
Das zunehmende Verwischen der Klassenunterschiede war bereits Vorbote für
das Ende der Monarchie - die französische Revolution 1789 bedeutete
das endgültige Aus für die Machtposition des Adels und war gleichzeitig
Beginn einer neuen, vom Bürgertum bestimmten Ära. Vorerst sollte
der Adel jedoch seine Machtposition noch behalten. Das Leben zu Hofe wurde
jedoch weniger förmlich - man löste sich von vorgeschriebener
Etikette, wurde zeitweise fast frivol und hedonistisch. Diese Tendenz zeigte
sich auch in Architektur, Mode und Kunst der Zeit - alles wurde etwas feiner,
eleganter und zarter, verlor seine Starrheit und Schwere und gewann an Lebensfreude
(Die Mode im Wandel der Zeit S. 53).
Man kleidete
sich von nun an beinahe bequem. Die Dame von Hof trug ein "Robe Volant"
- ein "wehendes Kleid", was bezeichnend für die neue Linie
war (s. Abb. 5). Darunter wurde ein leichter Reifrock und ein leichtes Korsett
namens Gourgandine getragen. Dies war eine weiche, unversteifte Schnürbrust,
die im privaten Rahmen unter dem Hauskleid getragen wurde. Das starre, mit
Stäbchen versehene Korsett wurde nur noch zu offiziellen Anlässen
angelegt (Reclams Mode- & Kostümlexikon S. 216).
Man verwendete vorwiegend leichte, edle Materialien wie Taft, Seide und
Satin in zarten Pastelltönen. Die Ausschmückung der Robe mit Blumen,
Borten, Schleifen und Rüschen war wichtiger denn je und ein letztes
mal Ausdruck des grandiosen Luxus der Aristokratie, deren einzige Aufgabe
es war, zu repräsentieren und die versuchte, sich durch das modische
Erscheinungsbild vom "Pöbel" abzugrenzen.
Durch den hohen und freizügigen Stellenwert der Sexualität ist
anzunehmen, dass etwa zu dieser Zeit das Korsett mit seiner erotischen Bedeutung
belegt wurde - zumal es im Laufe der Periode auch immer offenherziger wurde;
das Dekolleté wurde immer tiefer, bis am Ende beinahe die gesamte
Brust zu sehen war. Das weibliche Schönheitsideal war schlank und edel,
mit Wespentaille, apfelgroßen Brüsten und aus- bzw. einladenden
Hüften. Betrachtet man Rokokogemälde, die das lustvolle Leben
der Aristokraten darstellen, so ist auffallend, dass die Frau erstmals in
einer Rolle dargestellt wird, die bis heute als typisch weiblich gilt: ein
schwaches, zerbrechliches jedoch sirenenhaftes Geschöpf, das nach einem
Beschützer verlangt und zugleich ewig lockt und verführt.
1.3 Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
Die Jahre nach der Französischen Revolution waren zum einen von einem
Verlangen nach Freiheit geprägt - Freiheit von der Monarchie, Freiheit
des Geistes, Freiheit des Körpers ("Egalité, Fraternité,
Liberté") zum anderen von der politischen Neuordnung Europas
und der Einführung demokratischer Grundrechte.
Die Jahrhundertwende und der Beginn des 19.Jahrhundert waren für ganz
Europa eine Zeit der Umorientierung. Das vorherrschende Wirtschaftssystem
war nun der Kapitalismus. Die Ständegesellschaft mit Geburtsrecht wurde
durch eine Leistungsgesellschaft ersetzt; es wurden erste demokratische
Grundrechte für mündige Bürger eingeführt.
Gemeinsam mit den technischen Neuerungen, z.B. der Dampfmaschine, führten
diese Voraussetzungen geradewegs ins Zeitalter der Industrialisierung und
des Fortschritts (Chronik der Weltgeschichte S.220).
Das Handwerk verlor zusehend an Bedeutung, - es war der Aufbruch in eine
Zeit der Technik, der Maschinen und Fabriken. Vorreiter hierfür war
England. Hier begann man bereits 1770 die Textilindustrie durch Web- und
Spinnmaschinen zu revolutionieren; andere Branchen zogen schnell nach. Im
Rest Europas begann die Bewegung etwa 70 Jahre später (http://www.schule.tmr.net/ms-wat/seiten/industrie).
Als direkte Folge der Industrialisierung entwickelte sich eine Gesellschaftsordnung,
die in ihren Grundzügen bis ins 20.Jahrhundert erhalten blieb und sich
nur langsam verändert hat. Die neu gegründeten Fabriken, in denen
Konsumgüter - insbesondere Textilien - in Massenproduktion gefertigt
wurden, verdrängten Familienbetriebe und Manufakturen und begründeten
damit das klassische Arbeitnehmer - Arbeitgeberverhältnis, das wir
bis heute kennen. Von nun an unterteilte sich die Gesellschaft in proletarische
Unterschicht, bürgerliche Mittelschicht und finanzstarken Bourgeoisie
und Unternehmertum als Oberschicht.
Als indirekte
Folge kam es zu einer neuen Rollen und Aufgabenverteilung innerhalb der
Familie. Dem Mann wurde von nun an die außerhäusliche Aufgabe
zugeteilt, den Unterhalt der Familie zu sichern und darüber hinaus
für größtmöglichen Wohlstand zu sorgen.
Die Frau hatte die Aufgaben, sich für Haushalt, Ehemann und Kindererziehung
zu sorgen und als geschmücktes Prestigeobjekt Wohlstand und den beruflichen
Erfolg des Mannes zu repräsentieren. (s. Abb.6)
Neben den neuen Schichten gab es von nun an eine gravierende Teilung des
Lebens in Männerwelt und Frauenwelt. Dies galt verstärkt in der
wohlhabenden, bürgerlichen Mittel- und Oberschicht die nun die führende
kulturelle Schicht darstellte. In den unteren Arbeiterschichten vollzog
sich die Trennung langsamer. Hier mussten - ähnlich wie in einem Familienbetrieb
- auch Frau und Kinder durch Arbeit zur Ernährung der Familie beitragen
, da der Lohn des Ehemanns zum Überleben nicht ausreichte. Für
die Ehefrauen bedeutete dies meist schlechtbezahlte Beschäftigung in
den Textilfabriken oder Heimarbeit. Hier nähten sie im Auftrag von
Zwischenmeistern, die die neu entstanden Konfektionsindustrie belieferten.
Die Frauen der Ober- wie auch die der Unterschicht hatten somit entscheidend
Einfluss auf die Entstehung der Konfektionsmode. Die einen als nimmersatte,
eitle Konsumentinnen, die anderen als unterbezahlte, ausgebeutete Arbeiterinnen
(Schnellkurs Mode S.98).
Die Ausblendung von Moral und Gefühl aus dem Arbeitsleben führte
dazu, dass diesen Werten im privaten Bereich eine erhöhte Wichtigkeit
zukamen und sich nach den freien Jahren von Empire und Directoir (1775 -
1815) eine sehr bodenständige, bürgerlich-konservative und moralisch
engstirnige Gesellschaft entwickelte (Reclams Mode- & Kostümlexikon
S. 66/67).
Das modische Bild der Zeit passte sich den neuen Gegebenheiten an. Von nun
an trug der Mann nüchterne, einheitliche Anzüge die auf das wesentliche
beschränkt waren und die vom Geschäftsmann geforderte Korrektheit
und Zurückhaltung vermittelten. Die Männermode sollte sich nur
noch in Details verändern. In den Grundzügen ist sie uns bis heute
erhalten geblieben (Reclams Mode- & Kostümlexikon S. 69).
Die Frauenmode jedoch, nahm durch die repräsentative Rolle der Frau
schnell Abschied von dem natürlichen, schlichten Empirekleid. Die Frauen
der Oberschicht gaben alle "schmutzigen" Arbeiten an Angestellte
ab. Dementsprechend dekorativ und alltagsuntauglich wurde auch bald die
Mode und griff mit Korsett und Reifrock die Grundformen des Rokoko wieder
auf.
Entsprechend der neuen Biederkeit, kleidete man sich nun jedoch sittsam
hochgeschlossen und durch vielerlei Schleifen, Stoffrollen und Rüschen
verziert.
Etwa ab 1820 kehrte das versteifte Oberteil, nun endlich unter der Bezeichnung
"corset" bzw. "Korsett" zurück. Es war Ausdruck
der Moral des Mittelstandes, der die nachlässigen Sitten der vorangegangen
Jahre anprangerte (Schnellkurs Mode S. 93).
Da das Korsett im 19.Jahhundert so eng mit der unemanzipierten Rolle der
Frau als Mutter und Repräsentantin des Haushalts und des Ehemanns in
Verbindung steht, wird es aus heutiger Sicht häufig mit einem Folterinstrument
gleichgesetzt, das die Ehefrau sittsam und gefügig machen sollte und
sie jeglicher Freiheit beraubte.
Die betuchtere Dame ließ es sich als Maßanfertigung von der
Corsetière anfertigen. Bereits 1820 begann man jedoch mit der industriellen
Fertigung des Korsetts, wodurch es einer breiten Mittelschicht zugänglich
wurde und sich modisch schnell durchsetzte (Reclams Mode- & Kostümlexikon
S. 92). Für die Frauen der Unterschicht waren selbst diese Billig-Korsetts
unerschwinglich und sollten es auch die folgenden Jahrzehnte bleiben. 1865
entsprachen die günstigsten im Preis noch immer dem Wochenlohn einer
Fabrikarbeiterin. Sie fertigten ihre Korsetts selbst an um dem allgemeinen
Bild zu entsprechen. Vor allem diese selbstgenähten und die normierten
Industriekorsetts führten durch mangelnde Passform und Standardisierung
zu körperlichen Schädigungen (Zur Geschichte der Unterwäsche
S. 146).
Zu Beginn ihrer Renaissance war die Taille zwar schmal, jedoch noch relativ
moderat geschnürt. Während der 30er Jahre des 19.Jahrhundert wurde
sie jedoch zur Wespentaille. Die Taille sollte möglichst zerbrechlich
wirken und dem modischen Schönheitsideal der Sanduhr entsprechen. Eine
Taille von 40cm, die ein Mann mit beiden Händen umspannen konnte, war
zwar das Ideal, in der Realität jedoch die absolute Ausnahme. Werbeanzeigen
für Korsetts geben Taillenmaße zwischen 45cm und 75cm, einige
sogar bis 95cm an. Da man sich der gesundheitlichen Folgen des Schnürens
im 19.Jahrhundert durchaus bewusst war, wurde sehr enges Schnüren fast
generell abgelehnt. Die oft zitierten Berichte über qualvolle Schnürpraktiken
stammen häufig aus sogenannten Korsettkorrespondenzen in Magazinen
wie "Englishwoman`s Domestic Magazine" (etwa ab 1860 ) oder "Moralist",
deren Beiträge zum Thema Korsett eindeutig dem fetischistischen und
sadomasochistischen Umfeld zuzuordnen waren und keineswegs den realen Alltag
der damaligen Zeit darstellten (Fetisch - Mode, Sex und Macht S. 64 - 66).
Die Korsetts
des 19.Jahrhunderts wurden, entsprechend der strengen Moral, prinzipiell
als Unterbekleidung (über einem Hemdchen als Korsettschoner) unter
dem hochgeschlossenen Kleid getragen. Nur zu repräsentativen, abendlichen
Anlässen zeigte man Dekolleté - dieses war jedoch nicht sehr
tief, ließ die Brust immer bedeckt und gab dafür die Schultern
frei. (s. Abb.6, S.7) Zunächst war das neue Korsett an die Rokoko-Schnürbrust
angelehnt und hatte noch schmale Schulterträger die wegen ihrer sehr
weit außen liegenden Position Achselbänder genannt wurden (s.
Abb. 7)
Durch Einlagen & Stäbchen-versteiftes Korsett,ca.1820). Während
der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts bedeckte das Korsett stets die
Brust. Es formte diese zwar rund nach, betonte sie jedoch nicht übermäßig.
Die Unterkante des Korsetts wanderte immer weiter über die Hüfte,
bis es diese schließlich ganz mit einbezog, da man noch immer eine
relativ schmale, hüftumspielende Silhouette bevorzugte und ein rundlich
modellierter Bauch dem Schönheitsideal entsprach. Diese relativ langen,
geschwungenen Korsetts tragen wegen ihrer Form den Namen Sanduhrenkorsetts
(s. Abb. 8) (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 150).
 
Die benötigten Kurven im Brust- und Hüftbereich erhielt man nun
durch eingesetzte Zwickel, die etwa ab 1840, durch die Entdeckung des Kautschuks,
elastisch sein konnten. Verzichtete man auf Zwickel, erhöhte man die
Anzahl der Längsnähte, um eine stärkere Taillierung zu ermöglichten.
In der Regel bestand ein Korsett aus 10-12 Schnitteile, d.h. 5-6 pro Hälfte,
plus der zusätzlichen Zwickel. Die Fischbeinstäbe wurden nur noch
in den Nähten eingeschoben. Das Korsett war somit wesentlich leichter
als sein Vorgänger aus dem letzten Jahrhundert.
Die Schnürung befand sich prinzipiell im Rücken des Korsetts.
In der Regel waren die Korsetts aus festem Drell in weiß oder grau
gefertigt, als Luxusvariante stellte die Corsetière jedoch auch seidene
Modelle her. 1828 erfand die Industrie Metallösen, die die von Hand
festonierten Schnürlocher ablösten. 829 kam in Paris ein neuer
Frontverschluss auf, der den Blankscheit ersetzte. Er bestand aus zwei Stahlschienen;
eine mit Knöpfchen versehen, die andere mit Ösen, die man auf
die Knöpfe hängte und das Korsett so verschloss. Dies ermöglichte
einen wesentlich einfacheren Umgang mit dem Korsett, da die Schnur dauerhaft
in den Schnürösen verblieb und nur noch von unten und von oben
zur Taille hin festgezogen wurde (Corsets and Crinolines S. 75 - 79).
Der neue Verschluss war eine enorme Erleichterung für die Damen der
Zeit, da man von nun an kein helfendes Paar Hände von Ehemann oder
Dienstmädchen mehr benötigte um das Korsett an- und auszuziehen,
was die schnelle Verbreitung des Korsetts zusätzlich unterstütze.
Da man das Korsett nun auch in der Mittagspause bequem ablegen konnte, trugen
diese den passenden Namen Faulenzer" (Zur Geschichte der Unterwäsche
S. 107 - 109).
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Röcke immer weiter - damit
kam die neue Form des kurzen Miederkorsetts in Mode. Die Unterkante des
Korsetts rutschte nun wieder höher, da eine umfassende Hüftmodellierung
unnötig wurde und das kürzere Korsett mehr Bewegungsspielraum
(beispielsweise zum Sitzen) ließ. Durch die neue Länge fielen
die Zwickel im Hüftbereich weg. Stattdessen verwendete man mehr Schnitteilen,
wodurch eine stärkere Taillierung möglich wurde. Auch die Vorderfront
ließ sich durch eine größere Anzahl an Längsnähten
im Taillenbereich stärker konkav nach innen ziehen. Durch das extreme
Nachinnenziehen der Taille und das Herabrutschen der Korsettoberkante wurde
die Brust nun nach oben geschoben und dadurch betont. Auch die Achselbänder
verschwanden
für immer, da die erhöhte Anzahl der Fischbeinstäbe
ausreichend Halt gab (s. Abb.9).
Etwa 1870 verschwand die Krinoline aus der Mode. An seine Stelle trat nun
die Turnüre - ein mit Rosshaar gepolstertes Drahtgestell, das über
dem Gesäß lag und in der Taille festgebunden wurde. Darüber
trug man ein Kostüm, bestehend aus schmalem Rock und kurzem Jäckchen.
(s. Abb. 10)
Besuchskleider in Kürass-Silhouette, 1879)
Diese Silhouette brachte die Kürass-Taille in Mode. Diese lag zum einen
etwas höher als die natürliche Taille und war zudem sehr lang.
Das Kürass-Korsett zeichnet sich dementsprechend auch
durch seine
auffallende Länge und Steifheit aus. Es reicht sehr weit über
die Hüften, da diese ja nun offensichtlicher Bestandteil der Figur
war. Die Oberkante umfasste nur die
untere Hälfte der Brust schalenartig, wodurch diese "wie
ein Taubenkropf" (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 150) nach
oben geschoben wird. Durch die Unnatürlichkeit der neuen Körperform
wurden wieder mehr Stäbchen und Versteifungen notwenig. (s. Abb. 11)
Da das Korsett inzwischen so verbreitet war, dass die Nachfrage nach Walfischbarten
das Angebot überschritt, setzte man zunehmend mehr Federbandstahl oder
Spiralfedern aus Stahl zur Versteifung ein.1873 kam ein neuer, geschwungener,
löffelförmiger Frontverschluss ("Spoon Busk" ) auf den
Markt. Er war am oberen Ende schmal und erweiterte sich zum unteren Ende
hin löffelförmig. Er hielt der extremen Formung besser stand als
die einfachen Stahlschienen und verlieh dem Korsett zusätzliche Steife
(Corsets and Crinolines S. 79 - 83). (s. Abb. 11Abb. 11
Kürass-Korsett mit Löffel-Planchette, 1876)
Es waren besonders diese Kürass-Korsetts, die das heutige Bild des
Korsetts geprägt haben. Durch ihre extreme Länge und Steifheit
schränkten sie die Damen in ihrer Bewegungsfreiheit so sehr ein, dass
ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich anständig und gesittet
zu benehmen und zu bewegen. Dieses zurückhaltende, maßvolle Betragen
passte perfekt ins Bild einer anständigen Dame und brachte den Korsetts
den Ruf von Restriktion, Erziehung und Unterdrückung der Frau ein (Schnellkurs
Mode S. 109).
Auch der Gesundheit der Frauen waren die Kürass-Korsetts nicht gerade
zuträglich. Heute weiß man zwar, dass sie bei weitem nicht so
gesundheitsschädigend waren, wie lange Zeit angenommen ( Mediziner
führten 1900 etwa 20 Krankheiten auf das Korsett zurück), dennoch
wurde der Brustkasten durch das dauerhafte Einschnüren deformiert,
die Rückenmuskulatur bildete sich zurück und besonders der ständige
Druck, den der gebogene, im Bauchbereich nach innen gezogene Frontverschluss
auf den Magen ausübte, führte zu Problemen. Beide Tatsachen -
(Ver-)Formung des weiblichen Körpers sowie des Charakters - führten
Ende des 19.Jahhunderts zu Reformversuchen und Aufklärung durch Mediziner
und Intellektuelle. Doch es waren die Frauen selbst die sich, trotz aller
Einwände, nicht von der schmalen Taille trennen wollten und das vorgeschlagene
lockere Reformleibchen ablehnten (Zur Geschichte der Unterwäsche S.
198-199). Ihre Eitelkeit führte dazu, dass die aufrechte, starre Silhouette,
die Hüfte, Taille und Busen betonte, bis zum Ende des Jahrhunderts
beibehalten wurde.
Die Form des Korsett veränderte sich im letzten Drittel des Jahrhunderts
nur geringfügig entsprechend der jeweiligen modischen Neuerungen. Die
Taille rutschte etwa 1890 wieder etwas tiefer und statt der geschwungenen
Front setzte sich langsam wieder eine gerade Front durch. Die Palette der
angebotenen Korsetts gewann zusehends an Farbigkeit und Materialvielfalt.
Man fand zwar noch immer die weißen und grauen Drell- Korsetts der
vorangegangen Jahre, bevorzugt wurden nun allerdings Hellblau und Rosé
-auch Schwarz, Gelb und Grün kamen zunehmend in Mode. Der glatte, unifarbene
Drell wurde durch gemusterte Jacquard- Drells ersetzt. Auch Seiden-, Seidenbrokat-
und Satin-Korsetts erfreuten sich bei wohlsituierteren Damen großer
Beliebtheit (Corsets and Crinolines S. 83).
Neben der beschriebenen Hauptform des Korsetts gab es zahlreiche Sonderformen
zu verschiedenen Anlässen - z.B. Korsetts für Schwangere mit Schnürungen
oder Gummizügen im Bauch und Brustbereich; Sportkorsetts die sehr kurz
ausfielen und mit wenig Stäben versehen wurden; Badekorsetts; Spezialkorsetts
für Magenleiden - im Frontbereich mit elastischer Schnürung anstelle
des Metallverschlusses und dergleichen mehr. Am Ende des 19.Jahrhundert
war das Korsett durch seinen gesunkenen Anschaffungspreis zum Allgemeingut
geworden - das Tragen eines solchen war allen Frauen in jeder Lebenslage
zwingend vorgeschrieben (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 157).
Eine weitere
Neuerung des S-Line Korsetts waren die nun angebrachten Strumpfhalter. Diese
wurden an zwei Laschen an der vorderen Mitte befestigt. Sie hatten neben
der Funktion des Strümpfe Haltens den Nebeneffekt das Korsett nach
unten zu ziehen und so die typische
S-Haltung zu unterstützen.(s. Abb. 13Abb. 13
S-Line Korsett mit typischer, komplizierter Schnittführung und Laschen
führ Strumpfhalter, ca. 1901)
Die Länge der S-Line Korsetts variierte von Hüftansatzhöhe
bis hüftumschließend, auch im Brustbereich gab es Unterbrust-
oder bruststützende Korsetts. Nachdem diese Mode 1907 ihren Höhepunkt
fand, kehrte die weibliche Silhouette immer mehr zum natürlichen Körper
zurück. Etwa 1910 war die eng geschnürte Taille endgültig
passé. An seine Stelle trat ein langer, gerader, knabenhafter Körper.
Das Korsett wurde durch BH und Hüftgürtel oder einem Korselett
ersetzt und vor Beendigung der Dekade verschwanden die walfisch- oder stahlverstärkten
Korsetts im Zuge der Befreiung der Frau bis heute aus dem alltäglichen
Leben (Corsets and Crinolines S. 85 - 87).
Etwa 1900
kam ein letztes Mal eine neue Silhouette in Mode, die ohne Korsett unmöglich
gewesen wäre - die bekannte "Sans Ventre"- Linie; zu Deutsch
"ohne Bauch". Diese neue Figur war durch eine gerade Front, ganz
ohne Bauch, geprägt. Der Busen wurde nach oben sowie der Oberkörper
leicht nach vorne gedrückt, Unterleib und Gesäß hingegen
sehr weit nach hinten. Dadurch entstand ein starkes Hohlkreuz und der gesamte
Körper erhält eine S-förmige Krümmung. (s. Abb. 12)Etwa
1900 kam ein letztes Mal eine neue Silhouette in Mode, die ohne Korsett
unmöglich gewesen wäre - die bekannte "Sans Ventre"-
Linie; zu Deutsch "ohne Bauch". Diese neue Figur war durch eine
gerade Front, ganz ohne Bauch, geprägt. Der Busen wurde nach oben sowie
der Oberkörper leicht nach vorne gedrückt, Unterleib und Gesäß
hingegen sehr weit nach hinten. Dadurch entstand ein starkes Hohlkreuz und
der gesamte Körper erhält eine S-förmige Krümmung. (s.
Abb. 12Abb. 12
S-Line Korsett, 1901).
Die neuen, schnitttechnisch hochkomplizierten Korsetts sind bis heute als
"S-Line Korsetts" bekannt. Ursprünglich war es als Folge
der vielen Warnungen vor Gesundheitsschädigungen als neues, gesünderes
Korsett entworfen worden. Sein gerader Frontverschluss übte keine,
bzw. deutlich weniger Druck auf die inneren Organe aus. Auch die Atmung
wurde wesentlich verbessert, da es den Brustkasten nicht mehr so hoch umschloss
und in diesem Bereich weiter gearbeitet war. Durch die unnatürlich
Haltung waren jedoch sehr viele Schnitteile (10-15 pro Hälfte waren
keinen Seltenheit) und eine extrem starke und komplizierte Versteifung notwendig.
Dies machte das Korsett, wie seine Vorgänger, zu einem starren, einengenden
und unnatürlichen Panzer, der von der ursprünglichen Intention
nichts übrig ließ.
1.4 Männer im Korsett
Das Korsett
wurde, wie oben beschrieben, zum Inbegriff des weiblichen Kleidungsstücks.
Es gab jedoch immer wieder Phasen, in denen auch das männliche Schönheitsideal
eine schmale Taille beinhaltete. Und auch Männer verwendeten Korsetts,
bzw. korsettähnliche Hilfsmittel, um schlanker zu wirken.
So fand man Wandmalereien der Kretisch-Minoischen Kultur, die junge Männer
mit eng gegürteten Taillen darstellen - so eng, dass man von einer
Schnürung von Kindesbeinen an ausgeht (Reclams Mode- & Kostümlexikon
S. 217). (s. Abb. 14Abb. 14
Minoer mit eng gegürteter Taille, Wandmalerei ca. 1600 v.CH)
Im 16. und 17. Jahrhundert trugen Männer den stark versteiften, wattierten
Wams oder Gänsebauch, der zwar nicht besonders stark taillierte, aber
dennoch durch enges Schnüren den Oberkörper modelliert. Aus ihm
ging die weibliche Schnürbrust als Variante hervor.
Zu Beginn des 19. Jahrhundert schließlich war die Männermode
so körpernah geworden, dass viele Männer die schlanke Linie durch
eine Leibbinde unterstützten. Diese Leibbinden waren lange nicht so
starr und steif wie die weiblichen Korsetts, da sie nicht die Kurvigkeit
des weiblichen Körpers bändigen mussten. Aus ihnen wurden dann
etwa 1820 der Schnürleib der Dandys und Modegecken.
Sie reduzierten
ihre Taille ebenso wie die Damen, um die modischen Sand-uhrensilhouette
des 19. Jahrhunderts zu perfektionieren. (s. Abb.15Abb. 15
Modegecken mit geschnürter Taille ca. 1830 )
Desweiteren trugen "alternde Männer um die 50 " (Zur Geschichte
der Unterwäsche S. 110) häufig Korsett. Denn "... in diesem
Alter wird das Liebesfieber zu einem schorfigen Laster, das keine Anstrengungen
scheuen lässt, der schöne, verführerische Mann zu bleiben."(
Zur Geschichte der Unterwäsche S. 110) wie Honoré de Balzac
es in einem seiner Romane beschreibt.
Ebenso trugen vereinzelt auch Geschäftsmänner Korsetts, denn dieses
verhalf ihnen zu einer straffen, aufrechten Figur und Körperhaltung,
die ihnen auf dem Weg zum Erfolg hilfreich war. Offiziere verschiedener
Armeen - besonders der Preußischen und Österreichischen - sollen
bis ins beginnende 20.Jahrhundert korsettiert gewesen sein und damit einem
schneidigen Aussehen nachgeholfen haben (Zur Geschichte der Unterwäsche
S. 148).
Ob dies der Realität entsprach oder ob die vorhandenen Berichte - insbesondere
im Zusammenhang mit detailgenauen Beschreibungen von Uniformen - nicht fetischistischen
Ursprungs sind, lässt sich heute kaum sagen (Mode, Sex & Macht
S. 80-81).
Die angeführten
Beispiele beschreiben allesamt Männer, die das Korsett als maskulines,
zweckdienliches Kleidungsstück trugen.
Daneben gab es jedoch bereits im 18. Jahrhundert männliche Korsettträger,
die dieses in fetischistischem oder sadomasochistischen Kontext trugen.
Auch der naheliegende Verdacht des Transvestismus, den wir - klischeehaft
betrachtet - von einem korsettieten Mann haben, war in einigen Fällen
zutreffend. Diese Männer verwendeten dann jedoch eher Frauenkorsetts
(Mode, Sex & Macht S. 77-82).
Insgesamt lassen sich nur sehr wenig Quellen über Männerkorsetts
finden. Dies verweist zum einen auf eine mäßige Verbreitung,
zum anderen lässt es auf eine geringe gesellschaftliche Akzeptanz -
und damit verbundene Dokumentation - schließen |