Eine schmale Taille und
ein dadurch betontes Becken gelten seit jeher als besonders
weiblich und attraktiv und wirken auf auffallend viele
Männer sexuell anziehend.
Da diese Tatsache für das Entstehen und Überleben des
Korsetts eine große Rolle spielt, möchte ich die
Gründe für diesen Reiz genauer hinterfragen. Bei der
Entscheidung, ob man einen Menschen, bzw. sein
äußeres Erscheinungsbild als anziehend empfindet,
werden wir vor allem von zwei Faktoren geleitet: den
soziobiologischen und den soziokulturellen Faktoren
(Verhaltensbiologie und Sexualität S.29).
1. Soziobiologische
Faktoren
Unter soziobiologischen Faktoren versteht man Dinge, die der
Mensch weder durch sein direktes soziales Umfeld noch durch die
Kultur, in der er lebt, erlernt hat, sondern die angeboren, d.h.
vererbt wurden, z.B. Instinkte (Verhaltensbiologie und
Sexualität S.30).
Die Partnerwahl nach Charles Darwin
Trotz seiner enormen Überlegenheit gegenüber allen
anderen Arten des Tierreichs, ist auch der Mensch der
evolutionsbedingten Verhaltensweisen unterworfen und trägt
in seinem Inneren die Anlagen eines Millionen Jahre alten
Entwicklungsprozesses.
Auch wenn der Lebensinhalt des menschlichen Daseins inzwischen
weit über den alleinigen Sinn der Fortpflanzung hinaus
geht, so ist dieser dennoch tief in uns verwurzelt und steuert
einen großen Teil unseres Verhaltens - insbesondere die
Partnerwahl lässt sich auch der Menschen mehr von seinem
Instinkt, als seinem Verstand leiten.
Nach Charles Darwins Evolutionstheorie, entwickeln sich Arten
weiter, in dem die am besten den Lebensbedingungen angepassten
Individuen überleben. Unbewusst betreiben wir also eine
sexuelle Selektion und suchen nach Partnern, die möglichst
viele Nachkommen garantieren und diesen auch Eigenschaften
vererben können, die für das weitere Überleben
und Fortpflanzen von Vorteil sind (Die Evolution des Begehrens -
Geheimnisse der Partnerwahl S.9.)
Die Singh - Studie
Die Psychologin Devendra Singh versuchte 1993 in einer Studie
dem Geheimnis der körperlichen Attraktivität von
Frauen auf die Spur zu kommen. Sie entdeckte, dass dabei dem
Taillen-Hüft-Verhältnis eine besondere Rolle
zukommt.
"Frauen signalisieren ihre Reproduktionsfähigkeit am
besten durch Fettanlagerungen an Brüsten und am Hintern
eines schlanken Körpers. Im Sinne einer Kontrastbetonung
wird das Signal für Reproduktionsfähigkeit
hervorgehoben und es lässt sich mit weniger Fett mehr
Wirkung erreichen. In den Attrappenversuchen von Singh wurde die
kurvenreichste Figur (in der Abbildung links) mit schlanker
Taille, breiten Hüften und relativ großen
Brüsten von den Männern als besonders attraktiv
bewertet."

Im Rahmen von Singhs Studie wurden Männern aus
verschiedenen Kulturen, allen Altersgruppen und
unterschiedlichen sozialen Schichten gebeten, die
Attraktivität von Frauen anhand von Bildmaterial, z.B. dem
oben gezeigten (s. Abb. 17), einzuschätzen.
Man kam zu dem Ergebnis, dass es sehr verschiedene,
kulturbedingte Schönheitsideale gibt. Die Vorlieben
für schlanke oder dickere Frauen variieren ebenso
häufig, wie die für kleine oder große
Brüste, helle oder dunklere Hautfarbe oder
kulturspezifische sexuelle Reize wie Augen, Ohren oder
Haare.
Ein immer wiederkehrendes Merkmal der Frauen mit der
höchsten Attraktivität, war jedoch das Verhältnis
von Taillenumfang zu Hüftumfang. Von einer absoluten
Mehrheit der Männer wurde ein Verhältnis von 1: 0,7
und weniger, als besonders ansprechen bewertet.
Die heutzutage als ideal geltenden Maße 90 - 60 - 90
ergeben übrigens einen Wert von 0,67. Je höher dieser
Wert steigt, also auf 0,8 oder gar 0,9, desto unattraktiver
wirkt die Frau. Entscheidend ist hier also nicht der
Mengenanteil des Fettgewebes an der Körpermasse, sondern
dessen Verteilung.
Analysen von Bildmaterial und Maßen von als besonders
schön geltenden Frauen, z.B. Models, Gewinnerinnen von
Misswahlen und Playmates aus den letzten 30 Jahren zeigen, das
dieser Wert nicht nur kulturunabhängig, sondern auch
zeitunabhängig ist (Die Evolution des Begehrens -
Geheimnisse der Partnerwahl S. 74 - 76).
Da die Einschätzung der Attraktivität anhand des
Taillen-Hüft-Verhältnisses nachgewiesenermaßen
von sozialen Faktoren unabhängig ist, geht man davon aus,
dass es sich um eine evolutionsbedingte Vorliebe handelt.
Unterbewusste Informationen aus dem
Taillen-Hüft-Verhältnis
Der Grund für die Vorliebe der Männer für Frauen
mit dem oben beschriebenen, idealen
Taillen-Hüft-Verhältnis liegt in Darwins Theorie zur
Nachkommenssicherung. Solche Frauen signalisieren, dass sie in
der Lage sind, selbst gesunde Nachkommen zu zeugen und zu
ernähren.
Des weiteren eröffnen sie die Möglichkeit, diese
attraktiv wirkenden Merkmale an die Töchter weiter zu
geben. Diese hat dadurch wiederum erhöhte Chancen, einen
genetisch wertvollen Partner anzusprechen. Auch der Vater gibt
seine Vorliebe an die Söhne weiter und sorgt so für
eine zielsichere Wahl einer Partnerin mit guten Vorraussetzungen
zur Nachkommenssicherung.
Doch welche Information sind es im einzelnen, die ein Mann
instinktiv aus dem idealen
Taille-Hüft-Verhältnis zieht? Die Wissenschaft hat
diesbezüglich mehrere Tatsachen belegt (Die Evolution des
Begehrens - Geheimnisse der Partnerwahl S. 74 - 77):
- Geschlechtsreife
Der weibliche Körper verändert sich mit
Einsetzen der Pubertät. Das Entstehen der typisch
weiblichen Fettdepots steht in direktem Zusammenhang mit
der Östrogenproduktion des weiblichen Körpers,
welche mit der Geschlechtsreife beginnt und mit den
Wechseljahren zurückgeht - parallel dazu
verändern sich auch die Körperproportionen. Der
Unterschied zwischen Taille und Hüfte wird mit dem
ersten Eisprung größer und wird nach
Überschreiten der fruchtbarsten Lebensphase einer
Frau wieder geringer. Eine möglichst große
Differenz zwischen Taille und Hüfte ist also ein
direkter Hinweis auf die Zeugungsfähigkeit einer
Frau.
- Fruchtbarkeit
Man hat festgestellt, dass Frauen mit einem eher geringen
Taillen-Hüft-Differenz schwerer und zu einem
späteren Zeitpunkt ihres Lebens schwanger werden, als
Frauen mit dem Idealwert. Beides ist vermutlich über
eine geringere Produktion von weiblichen Hormonen zu
erklären.
- Gebärfähigkeit
Der im Volksmund gebräuchliche Begriff
"gebärfreudiges Becken" kommt nicht von
ungefähr. Frauen mit einem breiteren Becken bekommen
in der Regel ihre Kinder einfacher und schneller als
solche mit einem schmalen. Mutter und Kind haben bei der
Geburt ein geringeres Risiko, gesundheitliche Schäden
oder gar den Tod davon zu tragen. Ein breites Becken bzw.
der Eindruck eines solchen durch eine schmale Taille,
vermittelt erneut eine höhere Garantie für
gesunde Nachkommen.
- Vorliegende Schwangerschaft
Sobald eine Frau schwanger ist, verringert sich der
Unterschied zwischen Taille und Hüfte. Frauen, die
einen eher geringen Unterschied aufweisen, werden also
unbewusst als möglicherweise schwanger wahrgenommen;
Frauen mit einem großen Unterschied jedoch als
garantiert nicht schwanger.
- Gesundheitszustand
Es wurden enge Zusammenhänge zwischen den
Verteilungsverhältnissen - nicht der Menge - der
weiblichen Fettdepots und dem allgemeinen
Gesundheitszustand nachgewiesen. So haben Frauen mit einer
weniger idealen Verteilung ein höheres Risiko, an
Diabetes, hohem Blutdruck, vorzeitigem Schlaganfall,
Herzbeschwerden oder Gallenblasenleiden zu erkranken. Eine
Frau mit Fettpolstern an den richtigen Stellen,
nämlich Brust und Hüfte, hat also bessere
Aussichten gesunde Kinder zu gebären und diese durch
ihren eigenen, positiven Gesundheitszustand erfolgreich
groß zu ziehen.
Ein weiteres archaisches Relikt?
Sämtliche Säugetiere, mit Ausnahme des Menschen,
vollziehen den Geschlechtsakt in einer Art und Weise, in der das
Männchen das Weibchen von hinten begattet. Dabei wird bei
vielen Arten das Männchen vom Weibchen sexuell stimuliert,
in dem es vor und während dem Geschlechtsakt sein
Hinterteil, bzw. seine Genitalien präsentiert.
Dieses Verhalten ist z.B. bei unseren nächsten Verwandten,
den Menschenaffen, zu beobachten (Das Sexualverhalten von Mensch
und Tier S. 36). Wenn der Mensch wirklich noch so stark seiner
genetischen Abstammung unterworfen ist, könnte ein weiterer
Grund für die Attraktivität eines auffälligen
Hinterteils, eine genetisch verwurzelte "Erinnerung" an das
Sexualverhalten seiner urzeitlichen Vorfahren sein.
2. Soziokulturelle Faktoren
Die zweite wichtige Art von Faktoren bei der menschlichen
Partnerwahl, sind soziokulturelle Faktoren. Das heißt,
jene Vorlieben und Wertvorstellungen, die wir im Laufe unseres
Lebens selbst bilden oder durch unser soziales Umfeld erlernen.
Bezüglich der körperlichen Attraktivität des
Partners, sind dies in erster Linie die persönlichen
Vorlieben, die wir anhand von eigenen Erfahrungen entwickelt
haben, gepaart mit den wechselnden, modischen
Schönheitsidealen.
Das allgemeine & persönliche
Schönheitsideal
Das jeweils vorherrschende Schönheitsideal steht stets in
engem Zusammenhang, mit der momentanen Situation der
Gesellschaft. Situationen wie Krieg, Frieden, Armut und
Wohlstand spielen hier eine große Rolle.
So findet man in eher armen Kulturen häufig fülligere
Frauen attraktiv, da sie durch ihre Wohlgenährtheit
Wohlstand und Erfolg des Ehemanns zur Schau stellen. Auch die
Rolle der Frau an sich hat großen Einfluss. Das
knabenhafte Ideal der Frau in den 20er Jahren hängt eng mit
der Emanzipation der Frau zusammen. Dieses Empfinden von
Schönheit ist also eindeutig kulturell beeinflusst. Das
ganz persönliche Schönheitsideal jedes Menschen -
sowohl bezüglich des eigenen wie auch des anderen
Geschlechts - setzt sich aus dem allgemeinen
Schönheitsideal der Umwelt, sowie persönlichen
Eindrücken und Erfahrungen aus der Vergangenheit zusammen.
Vater oder Mutter spielen beispielsweise bei der
Geschmacksbildung eine ebenso große Rolle wie die erste,
große Liebe einer Person.
Die Sprache der Mode
Die wirksamste Methode, den eigenen Körper dem gerade
vorherrschenden Schönheitsideal anzupassen - und auch
umgekehrt neue Schönheitsideale zu erzeugen - ist seit
jeher die Bekleidung. Bekleidung betont oder negiert bestimmte
Körpermerkmale und erzeugt so einen fiktiven Körper.
Es ist jedoch nicht nur die erzeugte Körperform, sondern
auch die Aussage der getragenen Kleidung, die sich dem
Betrachter vermittelt und ihn entscheiden lässt, ob er den
Träger als attraktiv einstuft oder nicht.
Die heute existierende Mode ist ein kompliziertes Gebilde aus
Symbolen und Codes, die sich über lange Zeit entwickelt
haben und kulturell bedingt sind. Diese Bedeutung wird an
nachfolgende Generationen weitergegeben, von den Jüngeren
jedoch auch immer wieder neu interpretiert. Meistens wird
hierbei die Grundbedeutung jedoch beibehalten - sie wird nur auf
eine neu ironische, humorvolle oder provozierende Weise
eingesetzt. Sowohl Träger, wie auch Betrachter - sofern sie
der gleichen Kultur angehören - kennen die Symbolik
bestimmter Kleidungsstücke - auch wenn sie diese manchmal
unterschiedlich auslegen.
Ob taillenbetonte Bekleidung gerade von der Allgemeinheit als
ansprechend empfunden wird oder nicht, ist den jeweiligen Moden
unterworfen. Die Aussage, die durch eine betonte Taille
getroffen wird, war und ist jedoch immer die gleiche:
Unterstreichung der Weiblichkeit.
Diese Symbolik versteht jeder auf den ersten Blick. Zum einen,
weil man gelernt hat, dass vorwiegend weibliche Kleidung immer
wieder stark tailliert wurde, zum anderen weil es auf die
Silhouette des weiblichen Körpers (und das instinktive
Wissen um die schmale Taille, siehe oben) zurückgreift.
Die Symbolik des Korsetts
Betrachten wir das Korsett unter den erläuterten Faktoren,
wird schnell klar, warum es bis heute überlebt und sich
seine Signalwirkung nie verloren hat.
Seit jeher war es ein Mittel der Frauen, ihre körperliche
Attraktivität zu erhöhen, in dem sie den Männern
vortäuschten, in ihr soziobiologisches "Beuteraster" zu
passen. Sie erzeugen einen fiktiven, erotisch besonders
anziehenden Körper mit schmaler Taille, dessen Wirkung sich
kaum ein Mann entziehen kann. Instinktiv wird er von durch sein
evolutionsbedingtes Unterbewusstsein von der besonders femininen
Silhouette angezogen.
Die kulturell bedingte, erotische Bedeutung des Korsetts stammt
zum einen daher, dass diese Taktik erfolgreich war, zum anderen
weil das Korsett lange Zeit als Teil der Unterwäsche eng
mit dem Vorgang des ent- bzw. ankleiden verbunden war und
dadurch, gerade im prüden 19. Jahrhundert, etwas sehr
intimes und "verbotenes" beinhaltete.
Diese Belegung ist als soziokulturelles Wissen bis heute
erhalten geblieben ist. Gemeinsam mit Strumpfband, Strapse und
Nahtnylons wird es in westlichen Kulturen als erotisches Symbol
eingeordnet. Jungen erlernen diese Inhalt bereits in früher
Jugend und empfinden diese Kleidungsstücke als aufregend,
bevor sie sie jemals selbst zu Gesicht bekommen haben. Ein Junge
aus einem anderen Kulturkreis könnte dies sicher nur schwer
nachvollziehen.
Der Erfolg des Korsetts und die beinahe magische Wirkung, die
es auf viele Männer ausübt, beruht also aus einer
Mischung aus genetisch verwurzeltem Verhalten und kulturell
erlerntem Wissen. Alle Frauen, die jemals ein Korsett getragen
haben, sind sich dieser Wirkung durchaus bewusst - und viele von
ihnen setzen sie gezielt als Machtmittel ein.
|